Bildung: Nach einem gewaltsamen Vorfall an einer Bushaltestelle gerät die Mozartschule in Hussenhofen in die Kritik. Doch vor Ort zeigt sich ein engagierter Schulalltag, der weit über Noten hinausgeht. Wie die Schule den Jugendlichen echte Chancen bietet und Vorurteile abbaut.
Jugendliche gehen einen Busfahrer gewalttätig an – mit dieser Nachricht schaffte es die Mozartschule vor kurzem in die regionalen Schlagzeilen. In den sozialen Medien, allen voran auf Facebook, fällten teils anonyme User schnell ein Urteil und fassten es mit einem Wort zusammen: Problemschule. Doch das Bild, das sich bei einem Besuch vor Ort in Hussenhofen zeichnet, ist ein anderes. Im Gespräch mit Schulleiter Alexander May, der Lehrkraft Angela Hildebrandt und der Elternbeiratsvorsitzenden Bettina Bläse wird deutlich: Hier wird nicht einfach nur Unterricht verwaltet, hier wird an der Basis unserer Gesellschaft gearbeitet. Der Vorfall mit dem Busfahrer wird dabei nicht ausgeklammert. Er ist der Grund, warum die Schule wieder in den Fokus gerückt ist, aber er ist nicht das Zentrum der pädagogischen Identität. „Natürlich drückt so etwas die Stimmung im Lehrerzimmer immens“, räumt Alexander May ein. Doch die Reaktion folgte prompt: Binnen einer Woche hatte die Schule die Wiedereingliederung der beteiligten Jugendlichen erarbeitet und sie in der Gewaltprävention untergebracht. Es ist ein Beispiel für das, was May als Kernaufgabe beschreibt: die Führung junger Menschen in die Mitte der Gesellschaft. Die Mozartschule ist eine Startchancenschule des Landes Baden-Württemberg. Das bedeutet: Viele Kinder hier haben Startbedingungen, die alles andere als einfach sind. Ein hoher Anteil der Schüler hat eine andere Muttersprache als Deutsch. Doch die Barriere ist oft nicht nur die Sprache an sich. „Oft fehlt das ganze Prinzip unserer gelebten Demokratie“, erklärt May. Viele Eltern hätten wenig Erfahrung mit dem demokratischen System, wie wir es in Deutschland leben. Die Schule setzt daher auf ein „Learning im Gesamtpaket“. Es geht darum, welche Werte die Kinder von zu Hause mitbringen und wie diese mit den Werten der Schule korrespondieren. Ein besonderes Projekt, das derzeit als einziges in ganz BadenWürttemberg an der Mozartschule läuft, macht Demokratie für die Jugendlichen anfassbar: Ein Schülergremium entscheidet eigenständig darüber, wie 2.000 Euro investiert werden. „Hier dürfen Lehrer nicht mitbestimmen“, betont Angela Hildebrandt. Unter dem Motto „Schule als Wohlfühlraum“ entwickeln die Jugendlichen eigene Ideen.
Dass sich viele Schüler trotz Ganztagsbetrieb in ihrer Freizeit für diese Gremiensitzungen treffen, wertet die Schulleitung als starkes Signal. Es schafft einen „HeimfühlCharakter“ an einem Ort, an dem die Jugendlichen einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. „Wir gehen weg von dem Schema, dass vorne ein Lehrkörper steht und bestimmt“, so Hildebrandt. Es geht um Verantwortung. Ein zentrales Thema an der Mozartschule ist die individuelle Förderung. Da Bildungserfolg oft von den Voraussetzungen abhängt, die ein Kind mitbringt, bricht die Schule starre Strukturen auf. Ein Beispiel sind Kinder mit Sprachdefiziten. Anstatt sie ein Jahr wiederholen zu lassen – was oft als Scheitern wahrgenommen wird – hat die Mozartschule die Möglichkeit geschaffen, die Klassen 1 und 2 in drei Jahren zu absolvieren. „Nach eineinhalb Jahren kommen sie ins erste Halbjahr der zweiten Klasse“, erklärt Alexander May. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Deutsch gefestigter, und sie haben in anderen Fachbereichen bereits einen Wissensvorsprung gegenüber den neuen Mitschülern. „Dann können sie anderen plötzlich etwas zeigen. Das ist ein unschätzbarer Faktor für das Selbstwertgefühl.“ Erfolgserlebnisse dieser Art seien der Schlüssel, um die Motivation hochzuhalten. Für Jugendliche, die durch verschiedene Umstände komplett aus dem System gefallen sind – sogenannte Schulverweigerer oder Schüler mit massiven Anpassungsschwierigkeiten –, gibt es zudem die „Restart-Klasse“. In einer kleinen Gruppe von zehn Schülern arbeiten zwei Pädagogen intensiv daran, die Jugendlichen wieder fit für die Regelklasse zu machen. Es ist das Prinzip der zweiten und dritten Chancen, das sich durch das gesamte Konzept der Schule zieht. Bettina Bläse bringt die Perspektive einer Mutter ein, die die Schule über Jahre hinweg begleitet hat. Sie hat sieben Kinder; drei haben die Schule bereits verlassen, zwei sind aktuell dort, zwei weitere werden noch folgen. Trotz ihres Wohnorts in Eschach schickt sie ihre Kinder nach Hussenhofen. „Meine Kinder gehen gerne hierher“, sagt sie schlicht. Besonders das Vertrauensverhältnis zum Kollegium hebt sie hervor. „In den meisten Schulen hat man erst einmal einen Kloß im Hals, wenn die Schule zu Hause anruft. Man denkt sofort: Was hat das Kind jetzt wieder angestellt? Hier ist das nicht so.“ Sie schätzt die Angebote wie die Schulband, in der ihre Kinder Gitarre, Schlagzeug und Bass spielen, oder die speziellen Mädchen- und Jungen-AGs der Schulsozialarbeit. Auch das Elternengagement spiegelt das Schulklima wider. Trotz Sprachbarrieren finde man zueinander – sei es beim Kuchenverkauf mit internationalem Essen oder bei den seit drei Jahren angebotenen Deutschkursen für ukrainische Eltern, die auch mal gemeinsame Gartenarbeit beinhalten. Am Ende des Gesprächs wird Alexander May grundsätzlich. Das größte Problem der heutigen Zeit sei nicht nur die politische Ausrichtung, sondern das wachsende Gefälle zwischen „Unten und Oben“. Er wünscht sich mehr wissenschaftliche Prozesssteuerung und vor allem flexiblere Rahmenbedingungen für den Lehrplan, um auf die individuellen Biografien seiner Schüler reagieren zu können. Angela Hildebrandt ergänzt, dass sie sich ein Fach „Verantwortung“ wünscht, in dem es rein um das menschliche Miteinander geht. Der Erziehungsauftrag, den Selbstwert der Kinder aufzubauen, sei heute genauso wichtig wie die Wissensvermittlung. „Es würde der Gesellschaft allgemein gut tun, mit mehr Offenheit und Toleranz durch das Leben zu gehen“.
Die Mozartschule
Die Mozartschule in Hussenhofen ist eine „Startchancen“-Gemeinschaftsschule. Als „Chancen-Schmiede“ fördert sie durch individuelle Sprachmodelle, Mitbestimmung und ein starkes Wir-Gefühl Jugendliche unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
Copyright Rems Zeitung, 04.05.2026
